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Ägypten 2006

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Übersicht

Bild des Tages

06.09.2006

Strecke:Kulu - Şereflikoçhisar (per Bus Ankara)
Distanz:41,94 km
Schnitt:21,8 km/h
Höhenmeter:93
Fahrtzeit:01:55:32


Bericht für den 06.09.-12.09.

Hallo alle zusammen,

ich habe das letzte Mal etwas unerwartet abbrechen muessen, da die Zeit knapper geworden ist als ich dachte. Heute wird das hoffentlich nicht der Fall sein.

Ich war dabei stehen geblieben, dass etwa 150 km suedlich von Ankara am Tuz Goelue mein Tretlager auseinanderfiel. Zum Glueck ist langsames weiterfahren moeglich und eine mittelgrosse Stadt mit dem unaussprechlichen Namen Şereflikoçhisar nur noch knapp zwanzig Kilometer entfernt. Wir begeben uns uns ins Zentrum und werden sofort auf Deutsch angesprochen. Und zwar nicht nur von einem, fast jeder Passant gibt zumindest einen kurzen Kommentar in einwandfreiem Deutsch von sich oder bietet seine Hilfe als Uebersetzer an. Aber wozu braucht man Uebersetzer, wenn sowieso jeder Deutsch spricht? Wir werden zu einem kleinen Laden geschickt, dessen Besitzer natuerlich kein Deutsch spricht. Passendes Werkzeug zum Lagerwechsel hat er natuerlich auch nicht, also versucht er sich erst mit der Rohrzange und spaeter mit Hammer und Meisel. Mein armes Fahrrad! Vor allem, wenn er am Gewinde am Tretlager etwas kaputt macht, dann kann ich gleich den ganzen Rahmen wegschmeissen. Nach einer Weile roher Gewaltanwendung kann er die Welle entfernen. Ich kann ihm leider nicht klar machen, dass das zugehoerige Plastikgewinde auch noch raus muss, dann passt mein Ersatzteil rein. Er bleibt bei der Meinung, dass es zu gross ist und versucht lieber, eine Loesung zu improvisieren. Angeblich ist er auch gleich fertig. Derweil unterhaelt uns Levent, sein Cousin, Neffe, entfernter Verwandter muetterlicherseits. Wie genau die beiden zueinander stehen, ist nicht ganz klar. Das aendert sich, je nachdem, ob die Reperatur gerade nach Erfolg oder Misserfolg aussieht. Genauso wie die Bezeichnungen fuer den Mechaniker zwischen Idiot und Genie schwanken. Ausserdem erzaehlt er uns stolz in breitem Ruhrpottslang, dass er in Deutschland im Gefaengnis gesessen hat und hier in der Tuerkei in der Jandarma (so etwas aehnliches wie Polizei, ich habe keinen Tuerken getroffen, der mir den Unterschied genau erklaeren konnte) auch recht kriminell war. Irgendwie merkt man doch, dass man hier einen Deutschtuerken vor sich hat, und zwar einen Proll von genau der Sorte, die die Tuerken in Deutschland so unbeliebt machen. Nach fuenf Stunden (!) praesentiert mir der Mechaniker sein Ergebnis. Wir haben uns eh schon entschieden, nach Ankara zu fahren, um noch faehige Leute zu finden, damit ich mich auf die Loesung verlassen kann. Also zahlen wir, laden auf und fahren los. Nach hundert Metern wackelt die Kurbel, nach zweihundert Metern ist auch eine Lagerschale herausgefallen. Da wollen wir wenigstens unser Geld zurueck, schliesslich haben wir doch ueber zwanzig Euro gezahlt. Aber davon wollen sie erstmal nix wissen. Levent sagt, wir sollen ihn nochmal versuchen lassen, er findet schon eine Loesung, "ist ein Genie in solchen Sachen, weisst Du". Angeblich will er jetzt versuchen, die Plastikteile herauszubekommen und dazu mein Fahrrad erstmal zu einem Automechaniker bringen. Da fahre ich dann doch lieber mit, wer weiss, was der sonst dort mit meinem Fahrrad anstellt. Dort angekommen merke ich nach einer Weile schliesslich, dass er nur groessere Welle in die neue Welle bohren will, weil er wohl glaubt, dass dann die Kurbeln besser halten. Gegen die herausgefallene Lagerschale bringt das rein gar nichts. Ich bin sowieso schon sehr genervt und im Moment schwirrt in meinem Kopf nur noch das Wort "Idiot" im Kreis. Aber ich kann ihm auch nicht klar machen, dass das nichts bringen wird. Nach einer weiteren Stunde soll ich wieder eine Probefahrt machen. Ich verzichte, wir wollen nur noch nach Ankara, und wenn das wieder auseinanderfaellt, dann versucht er es nur nochmal.

Also rollen wir langsam zur Busstation. Zum Glueck faehrt sofort ein Bus und zwei Stunden spaeter sind wir mit Einbruch der Dunkelheit auf dem riesigen Busbahnhof in Ankara angekommen. Ankara wirkt riesig, ueberall Hochhaeuser mit Glasfronten, Springbrunnen, breite gerade Strassen. Wesentlich mehr eine moderne, halbwegs saubere Metropole als Istanbul. Wir sind noch fast eine Stunde ins Zentrum unterwegs und finden dort schnell und problemlos ein guenstiges Hotel. Im Internetcafe am naechsten Morgen findet sich auch problemlos ein wohl grosser Fahrradladen. Gleich in der Naehe des Busbahnhofs, wir sind ganz umsonst ins Zentrum gefahren. Also wieder auf dem gleichen Weg aus der Stadt heraus. Der Fahrradladen ist auch ganz brauchbar, sie haben einige moderne Teile, wenn auch die meisten Fahrraeder, die sie verkaufen, hinten noch ein Fuenffach-Ritzel haben. Passendes Werkzeug haben sie zwar auch nicht, aber sie wissen was zu tun ist und eine halbe Stunde spaeter habe ich wieder ein fahrbereites Fahrrad. Es ist einfach grotesk: wenn wir in SKH (Şereflikoçhisar) gleich den Bus nach Ankara genommen haetten, hier neben dem Busbahnhof das Fahrrad reperariert und dann wieder mit dem Bus nach SKH zurueckgefahren waeren, waere es billiger und schneller gewesen, als die Zeit allein, die wir mit dem Provinzmechaniker verbracht haben...

Ich will wieder nach SKH zurueckfahren, um von dort die Tour fortzusetzen, wo wir sie unterbrochen haben, aber Claudia sieht da keinen Sinn drin, und ich lasse mich schliesslich dazu ueberreden, gleich den Bus nach Goereme zu nehmen. So haben wir eine etwa 150 km lange Strecke auf der Tour, die wir nicht mit dem Fahrrad, sondern mit dem Bus zurueckgelegt haben. Es ist etwas schade, weil ich so nicht mehr sagen kann, ich bin mit nur mit dem Fahrrad bis nach Aegypten gefahren, aber auf der anderen Seite haben wir so durch die Panne keinen Tag verloren und kommen wie geplant in Goereme an. Die Zeit wird sowieso schon knapp.

Gleich am Busbahnhof in Goereme lassen wir uns fuer den naechsten Tag eine Rundtour durch Kappadokien aufschwatzen. Man merkt, dass wir uns in einem der Touristenzentren der Tuerkei befinden. Hier wird wirklich nur mit Touristen Geld gemacht, Es ist aber auch angenehm, da sich Sachen wie ein Internetcafe problemlos finden. Und die Landschaft ist auch wirklich sehenswert: zwei Vulkane, die am Horizont fast 4000m aus der Landschaft herausragen, haben durch wiederholte Eruptionen vor zwoelf Millionen Jahren dicke Schichten eines weichen Gesteins (Tuff) abgelagert. Aus diesem Tuff hat die Erosion tausende, bis zu zwanzig Meter hohe Zuckerhuete geformt. In diese spitzen Kegel schlugen sich die Menschen vor etwa tausend Jahren Wohnhoehlen, grosse Raeume, die ueber Treppen und Leitern miteinander verbunden waren. Bis in die fruehen zwanziger Jahre waren diese Doerfer von griechisch-orthodoxen Christen bewohnt, deswegen finden sich auch sehr viele in Stein gehauene Kirchen. 1924 wurden diese Bewohner dann im Rahmen eines "Bevoelkerungsaustausches" mit Griechenland hinausgeworfen und langsam besiedelten Tuerken das Gebiet. Leider spricht unsere Fuehrerin nur gebrochenes Englisch, den Grund fuer den Exitus der Christen erwaehnt sie z.B. nur auf Nachfrage und da ist es einfach "political reasons". Das meiste muss ich mir im Internet anlesen. Insgesamt hat sich die Tour aber trotzdem gelohnt, weil die Gegend sehr huegelig ist, und wir mit dem Fahrrad an einem Tag bei weitem nicht so viel gesehen haetten.

Am naechsten Tag geht es endlich mal wieder auf dem Fahrrad weiter. Waehrend wir Kappadokien verlassen, besichtigen wir noch eine unterirdische Stadt. Hier liegt das weiche Gestein unterirdisch und die Menschen haben sich zum Schutz vor Feinden acht Stockwerke und fast hundert Meter tief in den Fels eingegraben, mit so vielen Gaengen und Raeumen, dass in diesem Hoehlensystem 8500 Menschen leben konnten. Diesmal haben wir auch einen sehr kompetenten Fuehrer, so dass wir viele interessante Informationen zu dieser faszinierenden Anlage bekommen.

Am Tag darauf wird es wieder sehr bergig. Die Taurus-Ueberquerung steht an. Wir haben uns auf der Karte eine kleine Weise Strasse ausgesucht, aber danach sieht es zunaechst nicht aus. Breit und gut geteert zieht sich das Asphaltband ueber die Berge, und ununterbrochen rasen leere LKWs von hinten vorbei, bzw. schwer beladene kommen langsam die Berge von vorne hinuntergeschlichen. Nach ca. 60 km machen wir oben auf einem Berg mit toller Aussicht auf das gerade ueberquerte Tal und die dahinterliegende Skyline Pause und schiessen ein paar Fotos. Erst haelt ein LKW an, reicht uns kommentarlos zwei Pfirsiche aus dem Fenster und faehrt weiter. Kurze Zeit spaeter kommt von einer flachen Huette die wohl als LKW-Rastplatz dient, ein ziemlich grosser Mann mit dickem Schnurrbart auf uns zu und laedt uns mit tiefer Stimme zum Tee ein. Erst wollen wir ablehnen, lassen uns schliesslich aber doch ueberreden. In der Huette sitzt eine lustige Gesellschaft zusammen. Hauptamusement ist die Tatsache, dass einer der Maenner den Spitznamen "Limon" hat und ihn ueberhaupt nicht hoeren kann. Besonders unser Gastgeber nutzt diese Tatsache mit sichtlichem Vergnuegen und will auch uns dazu bringen, "Limon" zu rufen. Der so angesprochene steckt sich beide Zeigefinger in die Ohren, und sitzt, die Ellenbogen auf dem Tisch mit gekruemmtem Ruecken abgewandt da. So beschaeftigen sich die beiden ueber eine Stunde. In keinem Kindergarten haette dieses Schauspiel besser aufgefuehrt werden koennen ;-)

Die Einladung zum Tee wird zu einer Einladung zur Uebernachtung. Und zwar in einem dieser Nomadenzelte, die wir schon in den letzten Tagen immer wieder in der Landschaft haben stehen sehen. Das koennen wir einfach nicht ablehnen, auch wenn wir heute bis jetzt kaum vorwaerts gekommen sind. Es wird ein richtiges Touristenprogramm daraus. Er scheint sehr happy, uns alles zeigen zu koennen, jeder soll sich mal kurz auf ein Pferd setzen um ein Foto zu schiessen, wir sollen Fotos von der Familie machen, von den restlichen Tieren usw. Dann werden wir aufgeteilt. Claudia soll beim Melken und Kochen helfen, waehrend ich mit zwei Maennern und einer riesigen Wanne Fleisch in die naechste Stadt fahre. Die Fahrt ist nicht sonderlich interessant, da wir auf dieser Strecke gekommen sind und sie zieht sich ziemlich lange, da wir in etwas unterwegs sind, das die Bezeichnung "Auto" fast nicht verdient. Die Fahrt ist abenteuerlich. Zwar fahren wir selten schneller als 50, 70 wird auch bergab nicht ueberschritten, dafuer sind die Ueberholmanoever haarstraeubend. Ueberholt wird nicht wie in Deutschland nach dem Motto "hinter dieser Kurve, Kuppe, etc. koennte was kommen", sondern nach dem Motto "da wird schon nichts kommen". Egal, ob man nach vorne was sieht, wir zuckeln gemaechlich an den noch langsameren LKWs vorbei, der Fahrer versucht waehrenddessen, ins LKW-Fuehrerhaeuschen zu schauen, anstatt nach vorne auf die Strasse. In der Stadt wird das Fleisch durch den Fleischwolf gedreht und wieder eingepackt und ein bisschen eingekauft. Dann geht es wieder zurueck. Ich glaube, Claudia hatte da das interessantere Programm. Dann wird gegessen und anschliessend begeben wir uns recht schnell zu Bett.

Der naechste Tag beginnt mit einem nicht enden wollenden Anstieg. Wir kommen an einem Steinbruch vorbei, dann an die Passhoehe. Hier hoert die Teerstrasse auf, auf der Abfahrt kommt noch ein Steinbruch und dann haben wir unsere Ruhe von den LKWs. Ab jetzt geht es auf Piste durch ein fast menschenleeres Tal, so wie es sich fuer eine auf der Karte weiss eingezeichnete Strasse gehoert. Nach einem weiteren kleinen Pass tun sich tiefe, zerklueftete Taeler vor uns auf. Das tuerkische Hochland ist hier endgueltig zu Ende, die Talboeden liegen nur noch wenige hundert Meter ueber Meeresniveau. Fuer lange Zeit kommen wir trotzdem nicht zur Abfahrt, die Strasse fuehrt immer wieder bergauf und bergab auf einem Kamm entlang. Schliesslich geht es dann doch auf Staubpiste steil in eines der Taeler hinab. Auf der einen Seite die Felswand nach oben, auf der anderen Seite fast senkrechter Abhang windet sich die Piste hinunter. In den Kurven wirbeln die Raeder richtig viel Staub auf, so richtig, wie man es bei Wuestenrallyes im Fernsehen sehen kann. So macht das Spass.

Unten im Tal fliesst ein kleiner blauer wilder Fluss. Obwohl wir auch heute wieder keine 70km auf dem Tacho stehen haben und auch weder Essen noch ausreichend Wasser haben, koennen wir einfach nicht weiterfahren und suchen uns einen wunderschoenen Zeltplatz direkt bei ein paar Stromschnellen. Ein paar Stunden liegen wir am Fluss, ich bade auch ein wenig, dann faengt es das Regnen an! Wir hatten seit Istanbul keinen Regen mehr und ausgerechnet jetzt, wo wir einmal frueh Schluss machen und wirklich keinen Regen brauchen koennen, kommt er. Den Rest des Tages verbringen wir im Zelt.

Der naechste Morgen ist hart. Ohne Fruehstueck und fast ohne Wasser machen wir uns wieder auf, nicht genau wissend, wo wir wieder etwas zu essen kaufen koennen. Und natuerlich geht die Strasse aus dem Flusstal hinaus auch wieder bergauf. Claudia scheint ohne Essen noch besser klar zu kommen, aber ich fuehle mich wirklich sehr schwach. Nach zwei endlosen Stunden findet sich mitten im nirgendwo ein Restuarant, wo wir Fruehstuecken koennen. Nach ein paar weiteren Stunden, bei denen es schon sehr viel besser laeuft, sind wir aus dem Taurus draussen und in einer grossen Ebene, die aufs Mittelmeer hinauslaeuft. Dort finden wir ein Internetcafe (das Lebenszeichen, in dem ich erwaehnt hatte, dass wir zum Internetcafe eingeladen wurden) und auch wieder geteerte Strassen. Aber es ist auch wieder sehr viel heisser. Zwei dann doch wieder sehr huegelige Tage durch eine staubtrockene Mittelgebirgslandschaft bringen uns dann an die syrische Grenze.

So, das reicht fuer heute. Ich kann mir eh nicht vorstellen, dass das noch jemand liest. Vielleicht schon morgen dann mehr zu Syrien und ein paar mehr Bilder.

lg
   Uwe
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